Das Wetter ist trüb und grau, wie meine Stimmung. Ich bin in meiner klassischen Januar-Depri. Andere nehmen ihre Herbst-Depri, für mich ist Januar der schlimmste Monat. Die kuschelige Adventszeit ist vorbei... aber die Kälte bleibt. Und die Dunkelheit. Nein, ich hasse den Januar. Die Kerzengemütlichkeit passt irgendwie nicht mehr und alles wird nur noch trostlos. Wie das Wetter jetzt. Fröstelnd fahre ich nach dem Arztbesuch runter nach Westerholz. Mein Lieblingsstrand, eigentlich. Ich merke, dass ich den Fotoapparat vergessen habe und ärgere mich, für einen Moment denke ich an umdrehen, aber was soll´s. Muss halt das Handy ran.
Ich fahre den Hügel runter zum Parkplatz, und die Sonne kämpft sich durch Wolken und hüllt alles in ein unwirkliches, dunstiges Licht. Alles ist leer, der Wind hat sich gelegt, und ich atme auf, ein ruhiger Spaziergang, heute, keine der Ratten mit dem "weitläufigen Bewegungsradius" mit, das wird mal ganz gemütlich.
Ich stapfe los, es ist herrlich. Eigentlich. Die Hunde toben durch den Sand, Waldi ist glücklich, er hat sein Wasser wieder. Nur ich, ich kann nicht so wirklich entspannen. Ich grübel so vor mich hin, zunächst an das, was mir alles auf der Seele liegt und ich nicht ändern kann, im Moment. Alles das, was ich tun müsste, eigentlich. Und was mir so schwer fängt anzufangen. Der Strand ist menschenleer, früher war es hier immer so, aber leider, seitdem in Langballig und Westerholz ein Neubaugebiet nach dem anderen dazukommt, ist dies eine Seltenheit. Ich grüble weiter. Nicht, dass es mich stört, andere Menschen zu treffen, suche ich doch oft gerade die Zeiten heraus, wo ich Kontakt bekomme. Nur... die Menschen, die hier dazugekommen sind, sind zum grossen Teil Städter, die auf das Land ziehen, nur um dann die Stadt auf das Land zu bringen.
Ich denke an die Kinder, die man früher ausschliesslich hier traf. Strahlende kleine Kobolde, die lachend auf einen zukamen. Die Grossen passen auf die Lütten auf. Keine Eltern in Sicht. Kinder, die mit der Natur spielen, in der Natur, und nicht gegen sie. Kinder, die aufgeregt mit den Hunden spielen, Dir von ihrem Hund, ihrer Katze, ihrem Meerschweinchen erzählen. Die Dich mitziehen, obwohl sie Dich nicht kennen, um Dir ihre neue Höhle zu zeigen, die sie im Wäldchen gebaut haben. Oder die kichernd auf den Bäumen hocken und sich "verstecken". Natürlich "sehe" ich sie nie. Auch das ändert sich. Es gibt mehr Kinder, die nicht mehr spielen können. Kinder, die sich an den Eltern festklammern, wenn ein Hund kommt. Kinder, die sich in der Sicherheit der Neubausiedlungsgärten Marke Siedler (freies Schussfeld) deutlich wohler fühlen als hier am Naturstrand. Die Kinder können ja nichts dafür. Sie dürfen ja nicht mehr auf die Bäume, oder allein ans Wasser. Und ihre Eltern kriegen die Krätze, wenn Klein Erna an einer Alge kaut. oder im Lehm versinken und die guten Oshposh-Jeans dreckig werden. Ich stapfe weiter, grübelnd. Heute auch keine Kinder da, welcher Couleur auch immer. Nur die Weite vor mir.
Und grüble darüber, wie schwer mir das Gehen über diesen Naturstrand fällt. Eigentlich, seitdem ich ihn kenne, nach dem Unfall, in der Reha-Zeit, mit der Arthrose, jetzt mit dem steifen Fuss... Sand, Kiesel, grosse Steine, Abbrüche von der Steilküste, Lehmlöcher und Grundwasser-Rinnsale, die Augen gehören immer auf den Boden. Aber ich würde diesen wilden Strand nicht eintauschen gegen die, die es mir leichter machen zu laufen. Ja, ich werde heute abend merken, wo ich war, aber diese herrliche unordentliche Ursprünglichkeit erwärmt mein Herz. Und denke daran, dass Uroma Pauline hier schon lange nicht mehr laufen kann, mag, ich denke zurück an die Zeit, als sie hier noch rumflitzte. So viele Jahre sind schon vergangen.
Die Hunde fegen hin und her und sind glücklich, aber ich, obwohl es wunderschön ist, habe immer noch diesen Druck in mir, kann nicht wirklich entspannen. Das Kopfkino läuft und läuft. Ich sehe die ersten Steinhaufen und packe fast schon automatisch meine drauf, eine Eigenheit hier oben, die ich sehr liebe. Auf den grossen Steinen fängt immer jemand an, kleinere hinzupacken. Wer sind diese Menschen, mit denen man schichtet? Manchmal wartet ein einzelner Stein auf Menschen, die ihm einen Partner dazuschichten, manchmal findet man beeindruckende kleine Gebilde. Heute hat unter anderem einer angefangen, mit angeschwemmten und abgeschliffenen Backsteinen Kunstwerke zu bauen. Zunächst lege ich auch rote Backsteine dazu, aber dann geht es mit mir durch, und ich suche extra weisse aus, die ich dort integriere. Schon komisch, durch diese Steinelegerei fühlt man sich Menschen verbunden, die man gar nicht kennt. Waldi schnuffelt an einigen dieser grösseren Türmchen, aber auch er schmeisst sie nicht um, eine weitere Eigenartigkeit, ich habe noch nie einen Hund gesehen, der sie umschmeisst.
Die Wintersonne tanzt durch die zarten hauchdünnen Nebelschleier, ich bleibe stehen und mein Blick wandert nach vorne, zu den Hunden, die auf dem menschenleeren Strand weit vorlaufen. Ja, vier wandernde Steine, das dürften die Dackel sein. Auf Waldi-Höhe ist allerdings kein Waldi... da sehe ich aus dem Augenwinkel etwas durch das Wasser stieben und höre leicht das Geplatsche, glücklich pflügt er durch das Wasser, obwohl er den Kormoran, der sich auf einem Stein putzt, nicht erwischen konnte, so weit wollte er dann doch nicht rein...
Und plötzlich werde ich mir der Stille bewusst. Keiner der üblichen Zivilisationslaute, es ist, als seien wir alleine auf der Welt. Nur das leise Lecken des Wassers am Sand, gedämpftes Gurren und Quaken der Wasservögel, die auf dem fast glatten Wasser ruhen, ansonsten Stille, fast greifbar. Magisch, irgendwie entrückt von der Wirklichkeit. Als wäre ich durch den Dunst in eine andere Welt gelangt. Mein Blick schweift langsam über das wunderbare Panorama: Vor mir dehnt sich der wilde Strand, im Schatten der bewaldeten Kliffs liegend, bis die Steilküste sich in der Ferne in immer zarteren Wogen von Taubengrau in Dunstschleiern verliert, dann hinüber nach links, wo die schnurgerade Linie des Horizonts das Ende der Förde und die Weite der Ostsee andeutet, nur unterbrochen von einem einzelnen kleinen Fischerboot, gerade noch auszumachen weit hinten. Eine weite Fläche von Meer, rauchgrau, seichte Wellen wie Samt, majestätisch und beruhigend. Weiter wandern die Augen hinüber ans andere Ufer, auf die dänische Küste, die sich in den zögerlichen Strahlen des blassen Lichtes sonnt, zarte grüne Hügelwellen, unterbrochen vom satten Gelb des Sandes, Häuser, wie Puppenhäuser, vereinzelt in die Landschaft geworfen, 2 majestetische weisse Windräder, die sich wie in Zeitlupe drehen.
Die Zeit bleibt stehen. Regungslos verharre ich, trinke diesen Moment in mich herein. Und es geschieht, was ich schon so oft geübt habe, in Hallen, Räumen, Kursen, was ich so brauche und was mir nur so selten gelingt, und auch nur in der Natur. Meine Füsse schlagen Wurzeln, ich werde eins mit der Welt in diesem Augenblick. Meine Lungen saugen gierig die kalte Winterluft ein, vergessen die flache Atmung. Mein Kopf leert sich, vergisst alles andere ausser dem Jetzt, dem Hier. Sorgen verschwinden, ein sanfter Frieden breitet sich aus. Der Druck auf der Brust läuft einfach aus mir heraus, in den sanften nassen Sand unter meinen Füssen und wird hinweggespült vom ruhigen Rhytmus des Meeres. Dieser Augenblick - könnte man ihn doch nur einfrieren, so vollkommen, fast schon schmerzhaft schön... Zeitlose Minuten stehe ich so, eins mit der Natur. Die Hunde versammeln sich zu meinen Füssen, als würden auch sie die Magie des Moments spüren.
Dann plötzlich ist er vorbei, der Augenblick, und die Welt beginnt sich wieder zu drehen. Aber nicht, ohne in mir ein Lächeln zu hinterlassen, eine Stimmung wie Seide. Ich gehe weiter, entspannt jetzt. Für diesen Spaziergang habe ich alles hinter mir gelassen, für diese kostbare Zeit gibt es nichts anderes als die Schönheit des Tages. Die Hunde toben wieder, wir treffen eine nette Dame mit einem netten Labi-Mix und schnacken ewig, irgendwie ist alles erfüllt von einer ruhigen Fröhlichkeit. Und noch als ich ins Auto steige, lächle ich. Ja, so ein Spaziergang mit meinen Biestern kann Meditation sein, Balsam für die Seele!
hier ein Mini-Video
Einfach ein herrlicher Blick